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„Sankt Bürokratius“, wenn es ihn geben würde, seien Sie sicher, er würde unter den zahlreichen indischen Göttern einen bedeutenden Platz einnehmen, mächtig und allgegenwärtig. Unzählige Tempel wären ihm gewidmet und die Anzahl seiner zugegeben unfreiwilligen Anhänger ist schon heute immens. Entkommen kann man ihm nicht, höchstens „gnädig“ kann man ihn stimmen.

Wenn wir über Bürokratie sprechen, stehen zwei Aspekte im Vordergrund. Für die Unternehmen ist das der Zwang, einen überproportional großen Aufwand an Zeit und Geld für im Regelfall unsinnige Maßnahmen zu betreiben. Darüber hinaus darf aber auch der makroökonomische Einfluss nicht übersehen werden. Indiens Wirtschaft wird durch die Überregulierung in ihrer Entwicklung deutlich gehemmt. Zwar sind die Auswüchse des bis Anfang der 1990er Jahre vorherrschenden „Licence Raj“, ein kompliziertes und ineffizientes Verteilungssystems von Lizenzen, das fast die gesamte wirtschaftliche Aktivität Indiens regelte, weitgehend verschwunden, dennoch stellt Indiens ausufernde Bürokratie unverändert ein echtes Problem dar.

Die indische Bürokratie ist berühmt und berüchtigt!

Ein interessanter Indikator ist der „Index of Economic Freedom“, der vom Wall Street Journal zusammen mit der Heritage Foundation regelmäßig ermittelt wird. Indien rangiert hier auf Platz 104, zwar noch vor China mit Platz 119 oder Russland mit Platz 120, aber weit hinter den großen westlichen Volkswirtschaften. Nur zum Vergleich: die Spitzenreiter dieser Studie sind Hongkong, Singapur, Australien, USA, Neuseeland und Großbritannien. Übrigens: Deutschland erreichte in dieser Untersuchung Platz 19. Die indische Bürokratie in ihrer heutigen Form wurde schon zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft als „höchst effizient“ bezeichnet.

Da die Inder aber ein außergewöhnlich kreatives Talent haben, ist es dabei nicht geblieben. Nicht nur, dass Anträge manchmal zehnfach im Original eingereicht werden müssen, es wird auch vorgegeben jeweils ein Passfoto 36,51 x 24,82 Millimeter, mal vor rotem, vor grünem und dann, für eine andere involvierte Behörde, auch noch vor blauem Hintergrund abzugeben.

Alles ist durch Vorschriften geregelt, manchmal sogar der Genuss alkoholischer Getränke. In einigen indischen Bundesstaaten gibt es übrigens noch eine Prohibition, was Sie aber nicht großartig stören sollte, denn die Hotels sind meistens davon ausgenommen.
Ansonsten hilft eine „drinking permit“, die Sie bei der zuständigen Behörde beantragen können; immerhin ein amtliches Dokument,
das bestätigt, dass Sie zum Erhalt Ihrer Gesundheit sogar explizit ausländische Alkoholika benötigen (Originaltext!).

Für heute sollten wir es dabei belassen, aber denken Sie zukünftig daran, dass die Auseinandersetzung mit der indischen Bürokratie einen nicht unerheblichen Aufwand bedeuten kann.

Indien: Ein Reiseführer für die „Business-Class“

Der Blick für das Unerwartete

Dieser Artikel ist erstmals erschienen im Buch „INDIEN: Ein Reiseführer für die „Business Class“ 3. aktualisierte Auflage“.

In das Buch eingeflossen sind die Beobachtungen, Erlebnisse und Erfahrungen langjährig in Indien tätiger Praktiker. Mal ernster, dann wieder heiterer Natur, manchmal auch ironisch dargeboten, tragen sie dazu bei, den Blick für das Unerwartete zu schärfen und auch das Außergewöhnliche als weitgehend normal zu akzeptieren. Das Buch ist sicher kein Reiseführer im klassischen Sinne, vor allem auch kein Business-Guide, sondern ein Streifzug durch den Alltag des Geschäftsreisenden und all das, was im Umfeld dazu gehört.

 

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