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Der (erste) Hype ist längst vorüber, doch Outsourcing ist im Indien-Geschäft immer wieder ein Thema, und zwar ein äußerst kontroverses. Kaum jemand kennt Erfolgsgeschichten – stattdessen weiß fast jeder über ein gescheitertes Software-Projekt mit indischen „Kollegen“ zu berichten. Meist wird dann dieses Scheitern auch gleich „den Indern“ in die Schuhe geschoben, anstatt genau zu analysieren, warum ein Vorhaben nicht erfolgreich war oder schon von Haus aus gar nicht klappen konnte.

Warum Outsourcing-Projekte mit Indien scheitern

Letztendlich kann man für das „typische“ Outsourcing ganz ähnliche Gründe finden, wie für viele (gescheiterte) andere Unternehmungen in Indien auch, nämlich:

  • Das Geschäft basiert auf insgesamt falschen Erwartungen und einer unrealistischen Hoffnung auf Kosteneinsparungen, welche (längst) nicht mehr zu erzielen sind.
  • Halbherziges Vorgehen und zu wenig Aufmerksamkeit beim Ressourceneinsatz (Aufmerksamkeit, Investition) sowie beim Aufbau und der Steuerung von Strukturen und Prozessen.
  • Falsches Einschätzen der indischen Partner – entweder Überschätzen (Phänomen des „Superinder“) oder Unterschätzen (aus einer „spät-kolonialistischen“ Haltung)
  • Unterschiedliche Auffassungen von Qualität

Trotz allem greifen mittlerweile viele Unternehmen gerne auf indische Dienstleistungen und Mitarbeiter zurück. Gerade in Zeiten der Digitalisierung und des Fachkräftemangels wird Indien als Personalmarkt noch interessanter, beziehungsweise notwendig. Aktuell rechnet der Branchenverband Bitkom mit 55.000 offenen Stellen im IKT-Bereich. Laut Schätzungen fehlen in den Mint-Berufen deutschlandweit bis zu 200.000 Fachkräfte.

Trend zum Insourcing: Aufbau von Ressourcen in Indien (Fokus Software)

Aber ein mittelständisches Unternehmen kann nicht gleich ein eigenes Entwicklungszentrum mit mehreren hundert oder tausend Programmierern und Ingenieuren in Indien aus dem Boden stampfen, wie es einige Konzerne vormachen.

So wie etwa die SAP AG, die seit 1998 in Indien vertreten ist und dort heute über 7.000 Mitarbeiter beschäftigt. SAP Labs India ist damit das größte Forschungs- und Entwicklungszentrum außerhalb der Hauptniederlassung in Deutschland. Und die Firma Linde lässt in Gujarat bereits über 1.000 Entwickler für sich arbeiten.

Aber auch Mittelständler versuchen Software-Entwickler in Indien zu gewinnen. So gründete das „Schraubenimperium“ Würth aus Künzelsau 2015 ein eigenes IT-Zentrum in Pune und wächst damit recht dynamisch. Oder Deutschlands Marktführer für Engineering-Dienstleistungen Ferchau, den wir beim Aufbau der Strukturen in Bangalore beraten und operativ unterstützt haben (Case Study Ferchau Aviation).

Vereinzelt kommt es auch zu Übernahmen von spezialisierten indischen IT Dienstleistern durch europäische Unternehmen, mitunter durch Startups (zum Beispiel Applift aus Berlin), die auf Programmierer aus Indien zugreifen wollen oder müssen. Wir beleiten derartige Transaktionen von der Auswahl der Targets bis zur Integration ins neue Stammhaus.

Auch die UBS holt sich nach Jahrzehnten der Outsourcing-Partnerschaft mit einem großen indischen Dienstleister die IT wieder ins Haus. Man bleibt aber in Indien und betreibt hier ab sofort wieder ein eigenes Entwicklungszentrum.

Outsourcing nach Indien mit Risiken

Die Lufthansa beschritt vor wenigen Jahren den entgegengesetzten Weg und verkaufte ihre eigene Entwicklungs- bzw. Abwicklungseinheit in Indien an IBM. Was wirtschaftlich oft Sinn macht, führt organisatorisch aber meist zu Problemen. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Steuerung eines externen Partners stets mühsamer und die Qualität von Personal und Ergebnissen schwerer zu sichern ist. Zum gleichen Schluss kam im April 2017 auch der Geschäftsklimaindex Indien. Demzufolge waren Unternehmen, die über eigene Strukturen in Indien verfügen, überdurchschnittlich erfolgreich und insgesamt sehr zufrieden mit ihrer Performance in Indien im Vergleich zu denen, die nur mit lokalen Partnern zusammen arbeiteten.

Softwareentwickler und Programmierer aus Indien als Exportschlager!?

Dennoch ist die Zusammenarbeit mit Dienstleistern im Bereich der Software-Entwicklung und Ingenieursdienstleistungen nach wie vor das vorherrschende Modell für eine deutsch/indische Kooperation. Zum einen übernehmen große indische IT-Dienstleister und Systemhäuser á la TCS und Wipro große Software-Projekte von deutschen Banken und Versicherungen. Diese sind auch hauptverantwortlich dafür, dass jedes Jahr viele Tausend indische Fachkräfte nach Deutschland kommen. Laut Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) stellen mehr als 7.000 Inder in Deutschland inzwischen die meisten ausländischen naturwissenschaftlich-technischen Akademiker.

Neben den global-agierenden IT-Konzernen aus Indien versuchen zahlreiche indische Unternehmen über einen lokalen Repräsentanten in Europa Projekte „an Land zu ziehen“, um sie dann in Indien durchzuführen. Ein weiteres Geschäftsmodell ist der „Verkauf“ von dezidierten Programmierern (sog. Dedicated Staffing). Doch die wenigsten von ihnen sind für europäische Anforderungen professionell genug.
Aus genau diesem Grund möchten wir ganz besonders darauf hinweisen, ausreichend Zeit und Ressourcen in die Auswahl eines geeigneten Dienstleisters zu investieren.

Es ist eine Kunst, in Indien die Spitzenklasse leistungsfähiger Lieferanten vom breiten Rest zu unterscheiden. Indische Lieferanten verstehen es, sich attraktiv darzustellen. Oft können sie aber später ihre Zusagen und Vorgaben nicht einhalten und Enttäuschung macht sich schnell breit.

Ihr F&E Zentrum in Indien: Akquisition, Aufbau oder Partnersuche

Es muss nicht immer der Aufbau oder die Übernahme eines eigenen Entwicklungsstandortes in Indien sein. Wir unterstützen auch regelmäßig mittelständische Unternehmen in Indien auch bei der Suche und Auswahl von leistungsstarken Lieferanten von technischen Dienstleistungen. Dazu zählen neben der Due-Diligence auch die kaufmännischen Verhandlungen und der Abschluss von Service Level Agreements (SLA) sowie Audits der Partner vor Ort. Weitere Infos auf unserer Website: Indien als Beschaffungsmarkt

Darüber hinaus haben wir mit unserer indischen Tochterfirma Dr. Wamser + Batra India Pvt Ltd. zehn Jahre In-House Erfahrung beim Betrieb unserer eigenen Outsourcing Einheit im Bereich Finanzbuchhaltung, Lohnverrechnung und Compliance Services.

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