Die russische Invasion beschäftigt nicht nur die europäische Politik, sondern wirkt sich ebenso auf die internationalen, diplomatischen Beziehungen aus. Wie wird sich China verhalten? Wer stimmt wie bei Abstimmungen der UN-Generalversammlung ab? Und natürlich auch: Wo steht Indien?

Ein Kommentar von Dr. Wamser + Batra – Expertise für Indien.


Indien, ein Land das noch vor einigen Jahrzehnten vor allem durch soziale Themen wie Hungersnöte, Witwenverbrennungen und Mutter Theresa bekannt war, hat es seit Anfang der 1990er Jahre geschafft, sich durch „westlich“ orientierte Wirtschaftsreformen den Zugang zum Weltmarkt zu sichern und als bedeutender Zukunftsmarkt wahrgenommen zu werden. Ausländischen Investoren wurden Tor und Tür geöffnet und es waren vor allem westliche Unternehmen aus Europa und Amerika, die den Schritt nach Indien gingen. Inzwischen ist Indien ein etablierter Standort auf der Karte internationaler Unternehmen. Sowohl für Vertriebsaktivitäten wie auch für die Industrieproduktion und unternehmensnahe Dienstleistungen (Call Center, Development Centre, Service Industrie).

Daher ist es vielleicht sogar verständlich, wenn sich westliche Medien und öffentliche Repräsentanten irritiert zeigen, dass sich Indien zurzeit nicht klar gegen Russland stellt. Stattdessen bemüht sich das Land, einen Weg zu finden, der beides ermöglicht: Wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Europa und Amerika, ohne die jahrzehntelange Kooperation mit Russland zu beenden bzw. vielleicht sogar zu intensivieren.

Einige Journalisten sehen bereits die Gefahr einer Entkoppelung der bevölkerungsreichsten Länder der Erde von Geschäften in Euro und Dollar (womit nicht nur China, sondern auch Indien gemeint ist) und sprechen davon, dass Indien dem Westen in den Rücken fallen würde. Indien würde vielleicht sogar von dem Krieg in der Ukraine profitieren, da günstige Rohstoffpreise, für die Russland auch noch großzügige Rabatte anbieten soll, in Indien mit offenen Armen empfangen werden würden.

Warum distanziert sich Indien nicht eindeutig von Russland und stellt sich damit an die Seite der europäischen Länder? 

Um das politische Verhalten zu verstehen und zu beurteilen, sollte man tiefer in die Beziehung zwischen Russland und Indien sowie die historische Sicht Indiens auf „den Westen“ einsteigen. Diese kann man (sehr stark vereinfacht!) wie folgt zusammenfassen: Westliche Länder, insbesondere die USA und Großbritannien, galten in Indien jahrzehntelang als „Aggressoren“, die mit den „Kleinen“ spielten. Tief in der indischen Seele sieht man sich selbst als Underdog und sympathisiert mit den „Schwächeren“.

Bei aller Euphorie des wirtschaftsnahen, urbanen Teils der Bevölkerung über die Zusammenarbeit mit ausländischen Investoren westlicher Staaten, darf man nicht vergessen, dass der Großteil der indischen Bevölkerung selbst nach Jahrzehnten keinen positiven „Trickledown-Effekt“ solcher Investoren verspüren konnte und durchaus Ängste vor einer „Überamerikanisierung“ hat.

Die UdSSR und später Russland hingegen unterstützten Indien nach der Unabhängigkeit von 1947 mit Waffen und Wirtschaftshilfe. Und viele Inder betonen, dass man diese „Hilfen“ nicht einfach vergessen dürfe. Freunde hielten auch in schlechten Zeiten zusammen und so dürfe man Russland nicht vorschnell fallen lassen. Daneben stammen heute 70 Prozent der Waffen der indischen Streitkräfte aus russischer Produktion. Indien möchte auf diese Waffen nicht verzichten, sieht man sich weiterhin von den Nachbarstaaten Pakistan und China militärisch bedroht.

Die jüngere Generation hingegen wendet sich von der historisch bedingten Verbundenheit zu Russland immer mehr ab. Hochspezialisierte Fachkräfte sehen ihre Zukunft im Westen: in den USA, Großbritannien oder Deutschland, wo sie mit offenen Armen empfangen werden und sich einen hohen Lebensstandard erlauben können. Und eben nicht in Russland. 

Indiens Gratwanderung – Unsere Einschätzung

Dürfte sich Indien was aussuchen, sähe (aus unserer Sicht) der weitere Weg Indiens wie folgt aus:

a) Weiteres wirtschaftliches Zusammenwachsen mit Europa und (Nord-) Amerika. Positionierung auf dem Weltmarkt als Alternative zu China. Eine Abkehr oder „Entkoppelung“ dürfte nicht von Indien favorisiert sein. Erst vor wenigen Tagen hat Indien, nach jahrelangen Verhandlungen, ein Freihandelsabkommen mit Australien unterzeichnet. Die Verbindung zu westlichen Ländern ist offenkundig gewünscht und wird an vielen Stellen gefördert.

b) Beibehaltung des Kaufes von Energie und Kraftwerkstechnik (AKWs) sowie militärischer Güter aus Russland.

Daher geht es Indien zurzeit sicherlich auch darum, die Attraktivität für weltweite Investitionen zu erhalten oder auszubauen. Ohne dabei in das feindliche Visier Russlands zu geraten. Eine Gratwanderung, die entscheidend sein kann für ein Land, das seine Position in der Weltwirtschaft sucht.


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